20101102

Ein Leitfaden für Besucher von Darmstadt

Leitfaden für Besucher
Die im südlichen Hessen liegende Stadt Darmstadt hat, laut Zensus 2011, knapp 146.000 Einwohner (ca. 33 % davon mit Migrationshintergrund, 32 % der Bewohner sind Studenten - höchster Anteil in Deutschland). Die Darmstädter werden im Volksmund auch "Heiner" genannt. Früher, bis zu deren Abzug, prägten die vielen GI´s die Stadt. Heute ist besonders der öffentliche Dienst in Darmstadt stark vertreten: Die vielen städtischen, juristischen und universitären Ämter, Behörden und Verwaltungen machen die Stadt fast zur "Beamtenstadt". Der Darmstädter gilt nach einer Untersuchung als "Phlegmatisch" und "Harmoniebedürftig" . Und in der Tat, hier gibt es auch bei den vielen Bauskandalen, Schlachlöchern und verschobenen Bauprojekten keine große Aufregung bei der überwiegend gelassen wirkenden Bevölkerung. Die Stadt ist nicht an allen Stellen eine Schönheit - vor allem die City wird von den Innenstadtbesuchern als "mittelmäßig" attraktiv eingeschätzt - besonders bei der Stadtgestaltung gibt es Nachbesserungsbedarf .

Darmstadt zählt im Jahr etwa 10 Mio. Tagesgäste im Jahr und 600.000 Übernachtungen bei einer durchschnittlichen Verweildauer von knapp 2 Tagen und einer Hotelbettenauslastung von etwa 40 % (Stand 2012, s. auch Touristen - Darmstadt auf Platz 38). Rund ein Drittel der Gäste kommen aus dem Ausland. Geschäftsreisende und Kongressteilnehmer machen 80 % aller Besucher aus. Die meisten Touristen kommen aus den USA und Großbritannien. Wer geschäftlich oder privat nach Darmstadt kommt, als Besucher, Kongressteilnehmer oder Neubürger, der kommt zunächst oftmals mit dem Zug an. Und so beginnt auch unser kleiner "Darmstädter Leitfaden" am Darmstädter Hauptbahnhof. Dieser ist ein echtes Jugendstiljuwel - und auch wer das Gebäude verlässt, blickt auf einen ansehnlich-gepflegten Bahnhofsvorplatz, mit Blick nach rechts zum majestätischen Fürstenbahnhof und linkerseits gelegen ein erstaunliches Hamburger-Restaurant, das sich - was wohl einmalig ist - in einem Jugendstilhaus niedergelassen hat. In der Nähe befindet sich auch das Postgebäude - in einem gewaltigen neoklassizistischen Bau von 1912 - dem ehemaligen "Kaiserlichen Postamt". Da der Bahnhof relativ weit außerhalb des Stadtzentrums gebaut wurde, ist nun eine Fahrt mit Bus oder Straßenbahn fällig. Dieser Weg führt meistens über die breite Einfallsschneise "Rheinstraße" - ein eher schockierendes Erlebnis - denn links und rechts stehen einige Bauten, die einen fatal an die Aufbauleistungen sozialistischer Kleinstädte erinnern.

Hat man die Beton-Blöcke hinter sich gelassen, gelangt man zum - von unzähligen Bus- und Straßenbahnlinien durchschnittenen - Luisenplatz, der guten oder zumindestens lautstarken "Stube" in der Darmstädter Innenstadt. Auf der einen Seite eingerahmt wird dieser vom etwas in die Jahre gekommenen Luisencenter - einem überschaubar-netten, innerstädtischen Einkaufscenter. Warum man in Weiterstadt auf der grünen Wiese statt in der Darmstädter City ein neues Einkaufscenter gebaut hat bleibt indes rätselhaft. Auf dem Luisenplatz fällt ansonsten noch das Ludwigsmonument ins Auge - von den Darmstädtern nur "langer Lui" genannt. Darmstadt verfügt über eine ausgeprägte Punkerszene, die hier gerne verweilt - spötter meinen, dieses sei das einzige großstädtische Merkmal von Darmstadt. Aber das stimmt nicht: Zwar wurde das Darmstädter Zentrum im Weltkrieg zu 99 % zerstört und mäßig schön wieder aufgebaut, aber außerhalb des Zentrums, z. B. im historischen Johannisviertel (mit dem sehenswerten Johannesplatz), in Alt-Bessungen, Eberstadt und dem Komponisten- sowie dem Paulusviertel (mit dem tollen Paulusplatz), besitzt Darmstadt viel großstädtisches Flair. Besonders das gastronomisch ansprechende, altbaubestückte Martinsviertel geht - nachdem 2003 das 3klang eröffnete und damit ein Gastro-Boom ausgelöst wurde - mittlerweile als "kleiner"-Prenzlauer Berg durch.

Es gibt viele Parks und Freizeitmöglichkeiten in Darmstadt - mit Darmstadt 98 - den "Lilien" - gibt es zudem in Darmstadt einen Fußball-Traditionsverein (hier begann z. B. Weltstar Cha-Bum seine Karriere in Deutschland) der mit dem Stadion am Böllenfalltor viele Fußballfans anzieht. Zurück zum Zentrum: Dieses wird geprägt von dem üblichen Gewerbemix, der in allen deutschen Städten vorherrscht. Leider fehlt eine hübsche Altstadt in Darmstadt zum flanieren und auch die Marktplatzbebauung könnte eine bauliche und gestalterische Aufwertung vertragen. Am Marktplatz befindet sich im Alten Rathaus der Ratskeller und "Henschel" - eines der führenden Modehäuser von Darmstadt. Unweit steht der "Weiße Turm". Schöne kleine Geschäfte finden sich in der Schulstrasse und interessant ist auch die ruhige Schleiermacherstrasse. Die Stadt beherbergt riesige unterirdische Parkhäuser und hat mit dem Citytunnel eine unterirdische Straßenführung. Dabei ist der Citytunnel eine beliebte Partymeile - insbesondere bei großen Fußballereignissen wird dieser kurzerhand von feiernden Darmstädtern oftmals in Beschlag genommen und für den Autoverkehr gesperrt.

Darmstadt liegt leider nicht an einem größeren Gewässer oder Fluss - was die Stadt attraktiver machen würde. Zumindest gibt es mitten im Stadtzentrum die rührige und sehenswerte Veranstaltungslocation Centralstation und das Staatstheater, das mit einem kosmopolitischen Vorplatz aufwarten kann. In Reichweite des Theaters befindet sich der Alice-Obelisk und die imposante Kuppelkirche St. Ludwig - ein Werk von Moller von 1822/27 - der erste katholische Kirchenbau in Darmstadt nach der Reformation. Desweiteren gibt es in der Innenstadtlage den futuristische Veranstaltungs-, Tagungs- und Eventkomplex Darmstadtium (mit einem eingebauten Teil der Stadtmauer) und gegenüber das schöne Residenzschloss mit lauschigen Innenhöfen, einem schön gestalteten Schlossgraben und einem netten Biergarten auf der Bastionsmauer. Wer durch die Höfe des Schlosses weiter läuft gelangt - wenn nicht gerade wieder Eventzelte den schönen Platz versperren - zum Karolinenplatz mit  den historischen Bauten des von Alfred Messel geschaffenen Hessischen Landesmuseums und des Haus der Geschichte mit dem Hessischen Staatsarchiv (untergebracht im ehem. Hof- und Landestheater von Moller - mit dem beeindruckenden Karolinensaal). Dahinter verbirgt sich der sehenswerte Herrngarten - ein großzügiger Park (u.a. mit dem Goethe-Denkmal von Ludwig Habich) an dessen Ende der romantische Prinz-Georg-Garten mit dem Porzellanschlösschen und dem Gartenhaus liegt. Eine weitere tolle Parkgartenaanlage findet sich im Stadtteil Bessungen - der Prinz-Emil-Garten mit dem Schösschen. Desweiteren findet sich in Bessungen die schöne Orangerie.

Wer nicht nur als kurzzeitiger Besucher nach Darmstadt kommt und Parks liebt, der sollte sich auch noch die Rosenhöhe - ein historischer Park im Osten Darmstadts, das Oberfeld mit Biobauernhof, den Botanischen Garten der TU, den schönen Tierpark Vivarium, den Nordpark (dort ist ab und zu Flohmarkt und dort ist auch der riesige Bayerische Biergarten gelegen), das idyllische gelegene Oberwaldhaus mit dem Steinbrücker Teich und das Jagdschloss Kranichstein mit seiner Gartenanlage und die toll angelegte Reitanlage Kranichstein anschauen. Wer Brunnen liebt, der sollte sich den schönen Tierbrunnen anschauen.

Und hier noch einige Geheimtipps für Architekturfans: In der Landwehrstraße befindet sich eine origninalgetreue Zeppelinhalle, die heute als Parkhaus genutzt wird. Im mit Fachwerkbauten ausgestatteten Stadtteil Arheilgen gibt es mit  dem Bürgerzentrum "Zum Goldnen Löwen", einen bis heute für Veranstaltungen genutzten Jugendstilsaal. Und im Rodensteinweg 2 befindet sich mit dem "Alten Schalthaus" ein sehenswerter Bau von 1926 im Stil des Klinkerexpressionismus. Ein historisch nachgeahmter Bau im Stil eines "Schweifgiebelhauses" (fertiggestellt 2013) ist in der schönen Magdalenenstr. 25 zu bewundern. Direkt gegenüber steht die im Jugendstil 1904 errichtete ehemalige Maschinenhalle - von der TU als Vorlesesaal 2013 umgebaut. Sehenswert ist auch die in der nähe befindliche, 2012 eröffnete Zentralbibliothek auf dem Campus Mitte. Um die Ecke - in der Hochschulstraße stehen alte TU-Gebäude wie der 1904 von Friedrich Pützer errichtete Pützerturm. Dieser war einst ein Wahrzeichen der Hochschule - im Krieg leicht zerstört, nach dem Krieg zerstümmelt und ab 2015 zumindest "Innen" wohl wieder saniert. In der Nähe lohnt sich ein Besuch des mit Architekturbüchern gut sortierten Georg Büchner Buchladen in der Lauteschlägerstr. 18. Aus der Wiederaufbauepoche stechen positiv hervor, der Neufert-Meisterbau in der Pützerstraße 6 (unterhalb der Mathildenhöhe) von 1954 und das Haus Finkeisen ("Wilhelminenhof") von 1955 in der Wilhelminenstraße mit einem Scraffito des Künstlers Ernst Vogel. Weiterhin sehenswert ist die historische - unter Denkmalschutz stehende - ehemalige "Merck-Villa" in der Annastraße 15, sowie das als Hotel 1899 eröffnete und heutige Begegnungszentrum "Lichtenberghaus" in der Dieburger Straße 241. Begegnungen der kulturellen Art finden auch statt im "Achteckhaus" - einem schönen Renaissancebau in der Mauerstraße 17. Ein schönes bauliches Ensemble bildet auch die "Waldkolonie". Insgesamt gibt es etwa 2.450 geschütze Bauten, Denkmäler und Objekte in Darmstadt.

Weiter mit dem Pflichtprogramm der "Darmstädter Sehenswürdigkeiten": Das UNESCO-Weltkulturerbe Messel in der Nähe von Darmstadt und die Mathildenhöhe mit dem einzigartigen Jugendstilensemble muss man als Besucher Darmstadts gesehen haben. Der Hochzeitsturm oder auch Fünffingerturm (Vorbild für die "schützende Hand" über der Stadt war das orientalische Symbol "Fatimas Hand") ist das Wahrzeichen der Stadt. Sehr schön auch die Russische Kapelle auf dem Gelände der Mathildenhöhe. Nur wenige Autominuten entfernt von der Mathildenhöhe befindet sich das historische Jugenstilbad - für Baden, Sauna und Spa. Toll ist auch der Woog - ein Badesee in der Stadt und toller gleichnamiger Gastronomie. Ein weiterer Pflichtbesuch sollte der mitten zwischen Mietskästen und Discounter-Markt stehenden Waldspirale gelten - ein imposanter, von Hundertwasser geschaffener Wohnbau. Spätestens wenn man als Besucher dort angekommen ist merkt man dass Darmstadt zwar ein gewaltiges Potential hat, dieses aber nur mangelhaft nutzt. Die touristische Infrastruktur z. B. könnte vielerorts besser sein, es gibt an vielen Stellen zuwenige Cafes, Bars und Restaurants. Darmstadt ist eine weitgehend sichere Stadt, aber es gibt eine gefühte Unsicherheit und manchmal würde man sich mehr Stadtstreifen in der City wünschen. Vieles wirkt im Stadtbild leider vernachlässigt und die ganze Stadt ist mit Graffititags und Aufklebern verunstaltet. Darüber hinaus gibt es auf den Straßen und Gehwegen Schlaglöcher ohne Ende und viele Plätze in der Stadt sind leider "Taubenverkotet". Schade, dass die Stadt so hoch verschuldet ist, dass für Fassadenprogramme und Straßenreparaturen - wie in vielen anderen Städten auch - kaum noch Geld da ist.

Noch etwas für Darmstadt-Neuankömmlinge: Die Zahl der Studenten (überwiegend TU) hat sich seit dem Jahr 2000 auf rund 45.000 fast verdoppelt. Es gibt viele Wissenschaftseinrichtungen in der "Wissenschaftsstadt" Darmstadt und über 2.500 Arbeitnehmer arbeiten im Raumfahrtsektor (u.a. bei der ESA beim europäischen Satelliten-Kontrollzentrum ESOC und bei der zwischenstaatlichen Wettersatellitenorganisation Eumetsat). Darmstadt wird darüber hinaus wirtschaftlich besonders von Merck, der Software AG, Schenck Process, dem TIZ (u.a. mit T-Systems), Kao sowie der GSI und der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau geprägt. Desweiteren gibt es noch einige mittelgroße Unternehmen, aber insgesamt gesehen sind leider viele Arbeitnehmer zum beruflichen Pendeln nach Frankfurt/M. und anderen Städten gezwungen.

Darmstadt hat über 150.000 Einwohner - Tendenz steigend - doch für junge Familien wird in Darmstadt leider zuwenig gebaut. Es herrscht Wohnungsnot: Eine passende Wohnung zu finden ist ein Glückstreffer (s. auch DA Echo vom 16.07.11 "2010 Rekordjahr beim Verkauf von Immobilien" und DA Echo vom 12.05.12 "Stadtplanung: Es fehlen 2.400 Wohnungen") - 600 neue Wohnungen müssten alleine jedes Jahr gebaut werden um den Status Quo zu erhalten. Die Armut ist auch in Darmstadt groß (s. Darmstädter Tafel). 2.000 Haushalte (Stand 2/2013) stehen auf Wartelisten für eine Sozialwohnung. Gab es in Darmstadt 1987 noch rund 15.200 Sozialwohnungen, waren es 2010 nur noch knapp 5.400. Für die vielen Studenten gilt: Die Mieten sind hoch und es herrscht Wohnungsnot. Trotzdem werden nach einer 2013 getroffenen Zielvereinbarung in den nächsten Jahren zusätzlich 760 Studenten pro Jahr mehr in Darmstadt studieren.

Auch das studentische Kneipenangebot ist steigerungsfähig auch wenn es einige gute Ecken wie die Lauteschlägerstraße gibt. Trotzdem wird es wahrscheinlich in Darmstadt nicht langweilig werden. Das Positive überwiegt und ein Besuch der jährlichen Veranstaltungen wie z. B. Schlossgraben- oder Heinerfest oder der Jugendstiltage - lohnt sich in Darmstadt. 

*Im Bild oben: Das "Saladin-Eck" - abgerissen im April 2012. Es war eines von nur drei im Krieg noch stehengebliebenen Gebäuden in der Darmstädter Altstadt. Nach dem Abriss fand man historische handgeblasene Fenster an der Wand der "Krone".

>>> Mehr zur verlorenen Altstadt findet sich im Altstadtmuseum im Hinkelsturm
>>> Sehenswürdigkeiten von Darmstadt hat auch Wikipedia aufgelistet
>>> Die Liste der Kulturdenkmäler in Darmstadt ist hier bei Wikipedia zu finden.

Alle Angaben ohne Gewähr.  qs